mai 2023

Von welchen Sicherheiten müssen wir uns verabschieden, um Versionen einer neuen Zukunft zu erträumen? Kann der gemeinsam erfahrene Schwebezustand einer veränderten Sinneswahrnehmung ein neues Bewusstsein erzeugen, das eine andere Form von Begegnung und Gemeinschaft ermöglicht?

Die Fragen nach der (Neu-)Positionierung des Menschen in der Natur als eines von vielen Geschöpfen, nach neuer Gemeinschaft und gegenseitiger Fürsorge, zieht sich wie ein roter Faden durch die jüngsten Produktionen und Projekte des mehrfach ausgezeichneten Düsseldorfer Choreographen Ben J. Riepe. In kongenialer Zusammenarbeit mit der international gefragten isländischen Komponistin Bára Gisladottir, mit der Riepe zuletzt an der Staatsoper Hannover kollaborierte, begibt er sich für sein neues Stück erneut ins Genre des Musiktheaters. Gemeinsam mit insgesamt neun Sänger*innen und Performer*innen kreieren sie in EVER|RÊVE ein unsicheres, aber verheißungsvolles Terrain zwischen Tagtraum und Nachtmahr, zwischen Erschaffungsmythen und Urängsten, in dem unser primärer Sinn, das Sehen, unzuverlässig zu werden scheint und wir unserer visuellen Wahrnehmung kaum noch vertrauen können. Stattdessen tritt das Hören in den Vordergrund, ein gemeinsames akustisches Erleben, aus dem eine neue Art zukünftiger Gemeinschaft zu erwachsen mag – auf der Bühne, und über sie hinaus.
In Nebel und Licht, mit eigens komponierten Atmosphären aus Klang und Gesängen, in Bewegung, Worten und Textfragmenten unterschiedlicher Sprachen verwebt Riepe in seiner Choreographie reale, digitale und surreale Momente zur träumerischen Ahnung einer neuen Welt.

Julia Hübner, Produktionsdramaturgie über EVER|RÊVE

Ein Gleichgewicht, oder eine Gleichwertigkeit unter den Geschöpfen, wie sie etwa animistische Religionen und Kulturen in ihrem Alltag erfahren und erleben, scheint weit entfernt von unserer visuell dominierten und in Bildern operierenden Kultur. Der wesentliche Unterschied in der Wahrnehmung der Umwelt ist in der indigenen Sinneswahrnehmung zu finden, die viel stärker dem Hören, dem Klang verbunden ist als dem Sehen.
Der Choreograph Ben J. Riepe untersucht mit der isländischen Komponistin Bára Gísladóttir in ihrer zweiten gemeinsamen Arbeit EVER|RÊVE eine mögliche Neuordnung der Sinne und was passieren würde, wenn das Primat der visuellen Wahrnehmung zugunsten der auditiven verschoben würde.
Den Kern der Musik für 9 Tänzer*innen und Sänger*innen und Elektronik der isländischen Komponistin Bára Gísladottir bilden simultane musikalische Schichten, die in ihrer Gleichzeitigkeit koexistieren.
Die Komponistin verschiebt in die Perspektive von einer linearen hin zu einer vertikalen Annäherung an die musikalische Zeit. Die Klänge konstituieren, anstatt ein Anfang oder ein Ende zu finalisieren, eine andere Zeitwahrnehmung, eine kontinuierliche zyklische Bewegung, anstatt eines zielgerichteten Endes.
Kippunkte oder Wendepunkte von Ben J. Riepes Choreographie transformiert Bára Gisladottir in atmosphärisch dichte, elektronische Klanglandschaften, die um die Vielstimmigkeit, um das vokale Material der Performer*innen herum angelegt sind.
Kann eine perzeptive Unsicherheit, der Schwebezustand einer veränderten Sinneswahrnehmung ein neues Bewusstsein visionieren, das eine andere Form von Begegnung und Gemeinschaftlichkeit ermöglicht?

 

 

 

Choreographie/Konzept: Ben J. Riepe
Performance: Luisa Fernanda Alfonso, Rupert Enticknap, Sandro Hähnel, Julian Mattlinger, Björk Níelsdóttir, Jolinus Pape, Paula Pau, Igor Sousa, Leonie Türke
Komposition: Bára Gísladóttir
Choreographische Assistenz: Darwin Díaz
Kostüm: Ben J. Riepe, Dominik Więcek
Bühne/Licht: Ben J. Riepe, N.N.
Video: Hanna Noh, Jiha Jeon
Dramaturgie: Julia Huebner
Musikalische Leitung: Carolin Strecker
Stimmbildung: Carolina Rüegg
Projektleitung: Jessica Prestipino
Technische Leitung: Philipp Zander
Koordination: Izaskun Abrego
Management/Kommunikation: Nassrah-Alexia Denif
Social Media: Jolande Hörrmann
Visuelle Kommunikation: dasbuero. Puder und Müller

  • Sainte Réalité

    FFT Düsseldorf

    2 / 3 / 4 jun 2023

  • Beginn

    Orangerie Herrenhausen, Hannover

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  • GESCHÖPFE

    tanzhaus nrw

    29 okt 2020